Hetzt der Kreml Impfgegner in Estland auf?

26.02.2019

In den letzten Wochen trifft man in Pressetexten einen Gedankengang an, als stünde hinter den Impfgegnern Propaganda des Kremls. Die Beeinflussungstätigkeiten des Auslands ist ein Spezialgebiet von Propastop, daher haben wir entschieden herauszufinden, was hinter diesem Gedankengang steht und ob dies der Wahrheit entspricht.

Wo wird über dieses Thema geschrieben?
Die Hausärztin Piret Rospu widmet diesem Thema mehrere Absätze in ihrem Artikel „Die Impfverweigerung ist wie eine Propaganda des Kremls“ am 19. Februar in der Zeitung Postimees. „Es wurde aber wenig daran gedacht, dass die Impfegner auch zum schwächen der Staatssicherheit und zum Beeinflussen der Politik benutzt werden. Zum Beispiel wurde entdeckt, dass ein großer Teil der Posts gegen das Impfen aus den russischen Trollnfabriken stammen“, schreibt Hausärztin Karmen Joller in ihrem Facebook-Post am 16. Februar. Der Gedanke erklingt am 21. Februar in einer Sendung des ETV „Das erste Studio“ und darauf nickt die Gesundheits- und Arbeitsministerin Riina Sikkut eifrig mit. „Die russischen Trolle schüren die Impfverweigerung“, teilt der Artikel des Journalisten Margus Parts in der Zeitung Postimees am 22. Februar mit.

Die vorherige Welle der Artikel mit gleichem Gedanken hatten wir im Herbst. Damals schrieb zum Beispiel Neeme Raud den Artikel „Ein Schlachtfeld im russischen Infokrieg ist auch das Impfen,“ ein aktiver Gegner der Pseudowissenschaften, Presseexperte Merlis Nõgene hat im Bericht „Der Infokrieg in der Hausapotheke der Chlor-Mamis“ zu diesem Thema auch noch andere illegale Heilmethoden hinzugefügt. Beide Texte wurden in der Zeitung Postimees veröffentlicht.

Was genau wird behauptet?
Am konkretesten sind jene Texte, die einen Überblick über die Zusammenhänge zwischen Diskussionen bezüglich des Impfens und die Beeinflussungsaktionen des Kremls in den USA und Großbritannien geben. In diesen Staaten wurden die Aktivisten aufgespürt und es geschafft, diese mit den russischen Netzwerken in Verbindung zu bringen. Die vorher genannten Artikel von Margus Parts und Neeme Raud weisen auf die ausländischen Artikel hin, in denen diese Verbindungen gezeigt und begründet werden. In Estland wurden solche feststellende Strategien noch nicht benutzt. Es wird betont, dass nicht die Impfverweigerung selbst vom Kreml unterstützt wird, sondern die extreme Diskussion darüber. Sowohl die Gegner als auch die Befürworter werden unterstützt, Hauptsache, die Diskussion polarisiert.

Andere über die Impfverweigerung geschriebene Texte sind Meinungsberichte. In diesen ist es nicht eindeutig,  worüber genau gesprochen wird, als auf das Einfluss des Kremls hingewiesen wird. Mal wird über die „Propaganda Russlands“ als eine allgemeine Metapher gesprochen, so, dass die Impfgegner gleiche Methoden benutzen, wie auch die Medienmaschine des Kremls es macht. In einigen Absätzen sind die Worte aber so gewählt, dass der Eindruck entsteht, als würde Russland auch die Impfgegner in Estland unterstützen. In diesen Meinungsartikeln werden aber keine direkten Hinweise, Beispiele, Links oder Beweise für die Behauptungen gebracht.

Wo in Estland werden die Meinungen gegen das Impfen verbreitet?
Die Berichte gegen das Impfen werden zum Beispiel über Telegramm veröffentlicht, das sich Verschwörungstheorien gewidmet hat und auch im Portal des Alternativheilens „Hingepeegel.ee“, oder der Internetseite „Vaktsiineerimine.ee“, deren Name so klingt, wie würde man hier objektive Informationen vermittelt. Auf Facebook sind die Gruppen“Ravimite ja vaktsiinide kõrvaltoimed” (Zu Dt.: Nebenwirkungen der Medikamente und Impfstoffe), “Vestlusi vaktsineerimata laste vahel” (Zu Dt.: Unterhaltungen zwischen Kindern, die nicht geimpft sind) und “Vaktsiinikahjustustega laste vanemate ühing” (Zu Dt.: Verein der Eltern der Kinder mit Impfschäden) aktiv. Es wird noch in mehreren Foren diskutiert, zum Beispiel im Forum „Perekool“ (Zu Dt.: Familienschule).

Propastop hat diese Auflistung studiert und festgestellt, dass es mindestens in diesen Medienquellen keine Spuren von Beeinflussungstätigkeiten Russlands, von den Trollen des Kremls oder von den Diskussionen, die vom Ausland geleitet werden, zu finden waren. Es fehlen die Netzwerke, die klar und deutlich als mit Russland in Verbindung stehend identifiziert werden könnten (zum Beispiel fanden wir solche Verbindungen bei dem Themenhinweis #ESTexitEU). Viele nehmen an Diskussionen unter einem falschen Namen teil, mit Fake-Konten, aber diese Konten haben keine Merkmale, die diese mit der Propaganda des Ostnachbars in Verbindung setzen lässt.

Wenn die Leser von Propastop Beispiele oder Hinweise haben, welche die Verbindungen estnischer Impfgegner mit dem Kreml beweisen, schicken sie uns diese per Facebook, E-Mail oder mit dem anonymen Kontaktformular hier in diesem Blog auf der linke Seite.

Zusammenfassung
Einen Grund, um über die Zusammenhänge  zwischen der Impfdiskussion und dem Einfluss des Kremls zu schreiben, gibt es in den USA und auch im West-Europäischen Kontext. In Estland gibt es keine Beweise für ein solches Einmischen.

Propastop ruft alle, die für das Impfen sind, zu einer auf Beweismaterialien basierenden Kommunikation auf. Eigene Behauptungen müssen umso mehr begründet werden, je mehr man für die richtigere Sache steht. Im Gegenfall erscheinen die als edel gedachten Gedanken als ein Kampagnentrick, mit welchem man die Gegenseite in Verruf bringen möchte. Die Anschuldigung, hinter der Impfverweigerung in Estland würde der Einfluss des Kremls stecken,  ist viel zu ernst, um dies ohne stichhaltige Beweise zu verbreiten.

Auf dem Bild: PlayStation Europe / Flickr / CC, Screenshots aus den Artikeln.