Sechs Schlussfolgerungen über den Fall mit der Rakete

14.09.2018

Am 7. August hatte ein Kampfjet der spanischen Verbündeten ungewollt eine Luft-Luft-Rakete über Estland abgefeuert. Laut Informationen vom Monitoringroboter Propamon handelte es sich um ein absolutes Rekordereignis für die russischen Propagandamedien: kein einziges der Estland betreffenden Themen hat in diesem Jahr mehr Veröffentlichungen generiert.

Heute ist seit diesem Fall schon mehr als ein Monat vergangen. Es ist die Richtige Zeit, um Schlussfolgerungen zu ziehen, wie dieser Fall von der Propagandamaschine des Kremls behandelt wurde.

1.Die Propagandamaschine reagiert schnell
Die Rakete wurde am 7. August um 15.44 abgefeuert. Die erste Mitteilung über das Ereignis erreichte die Medien durch eine Pressemitteilung der Streitkräfte um 18.57 h. Die erste Nachricht in den russischen Medien wurde um 19.43 h. von Interfax veröffentlicht. Um 32.07 h. twitterte der Vorsitzende der Kommission für Informationspolitik des russischen Föderationsrates, Aleksei Puškov, über dieses Thema. Es handelte sich um einen Text, der später die Hauptnarrative der Propaganda in Bewegung gesetzt hatte. Dieser Tweed wurde von den russischen Medien weit und breit verstärkt, als erstes um 23.46 h. von der Izvestija. Daher dauerte es nur vier Stunden, bis eine „gewöhnliche Nachricht“ zu einem Propagandaereignis, zu einer Botschaft des Informationskrieges wurde.

2.Die Veröffentlichungen haben ein Hauptnarrativ
Das Propagandanarrativ Russlands war durchgehend folgende Botschaft: „die NATO ist eine Gefahr!“ So wurde das Ereignis unverzüglich in den Dienst des strategischen Ziels des Kremls – die Verteidigungsallianz von seinen Nachbarstaaten weit weg zu vertreiben – gestellt. Dieses Grundnarrativ wurde mal in den Titeln und mal in den Berichten als Kommentar ausgedrückt, aber dies kam in fast allen diesen Fall betreffenden Artikeln vor. Diese Botschaft wurde auch nach dem Abklingen dieses Themas weiter gefestigt. In der Erklärung des Außenministeriums am 9. August wurde es schon wieder erwähnt, ebenso in den späteren Analysen.

3.Die Ausdrucksweise der Grundnarrative wird variiert
Wenn die Propagandakanäle den Inhalt der Narrative bekommen haben, werden sie die konkreten Äußerungen variieren. Die Botschaft: „die NATO ist eine Gefahr!“ wurde zum Beispiel mit folgenden Mitteln präsentiert:

Das Benennen dieses Ereignisses als „Raketenangriff der NATO“ oder „Luftangriff gegen Estland“.

Spekulation, dass die Rakete Russland hätte treffen können.

Berichte mit dem Titel: „Ich dachte, dass der Krieg ausgebrochen ist“: das Verstärken der ängstlichen Reaktion der Menschen.

Das Hervorheben der auf die Gefahr hinweisenden Kommentare der lettischen Amtspersonen: „Möglich ist ein Gegenangriff von Russland.“

Diese Methode kann bildlich als die Schleppangel im Wasser umschrieben werden, von denen jede einen unterschiedlichen Blickwinkel auf die Narrative darstellt. Es ist unwichtig, welche von diesen genau die Leser lockt, Hauptsache ist, dass diese Propagandanachricht im Gedächtnis der Menschen verankert wird.

2.Auch andere Narrative kommen vor.
Eines der stärksten sekundären Propagandanarrative war „die NATO ist schwach“, welches etwas später in den Berichten erschien. Es wurde spekuliert, dass das Abfeuern der Rakete aufgrund schlechter Ausbildung geschehen konnte. Es wurde betont, dass Estland nicht in der Lage sei die Rakete zu verfolgen und zu finden. Der Propagandabotschaft „unbeholfene NATO“ wurde von Ironie und schwarzem Humor begleitet. Als Neben-Narrative kann man noch die Motive der Russophobie hervorbringen („Für das Abfeuern wird Russland beschuldigt“) sowie Verschwörungstheorien (das angeblich zufällige Abfeuern der Rakete war eigentlich eine geplante Aktion“).

4.Das Ereignis geht schnell vorbei, aber eine Spur bleibt.
Die Rekordzahl an Veröffentlichungen hatte dieser Fall innerhalb von zwei Tagen. Aber als keine neuen Informationen dazu kamen, wurde der Fall für die Presse uninteressant. Nur einige Folgeberichte gaben zu wissen, dass die Rakete nicht gefunden wurde und die Kampfjets der Verbündeten weiter fliegen. Zusammenfassend bleibt der Fall mit der Rakete den im Einfluss der russischen Medien lebenden Menschen in Erinnerung als eine Geschichte, in welcher der Tollpatsch NATO in Estland fast den dritten Weltkrieg gestartet hätte. Die Meinung, dass der Fall Vertrauen in die Fähigkeiten der NATO schafft, ist laut Einschätzung von Propastop falsch.

5.Wie kann man solche Propagandanarrative verhindern? 
Man muss schon in den ersten Pressemitteilungen eigene Narrative aufstellen. So wird sichergestellt, dass eine günstige Handhabung überwiegen wird. In dem hiesigen Fall wurde sich in der ersten Mitteilung auf Details und Fakten des Falles konzentriert und die breitere Bedeutung dieses Ereignis ist in den Hintergrund geraten. Das Betonen, dass keine direkte Gefahr bestand und der Fall unter Kontrolle der Estnischen Streitkräfte und der NATO war, hätte geholfen, die Flügel der Propagandanarrative des Kremls zu stutzen.

Fotos: Ilkka Jukarainen/Flickr/CC; Screenshot von den, in diesem Post beschriebenen Artikel.