Wer die Vergangenheit kontrolliert, der kontrolliert auch die Zukunft

25.02.2020

Dieses Schlagzeilenzitat aus George Orwells Nowelle „1984“ charakterisiert die Aktivitäten Putin-Russlands beim Umschreiben der Geschichte. Bei der Umgestaltung des Narrativs des Großen Vaterländischen Krieges, die den nationalen Interessen Russlands entspricht, werden keine Mittel gespart und man ist denjenigen gegenüber nicht gnädig, die die unpassende Wahrheit verkünden.

Der Wunsch Russlands, die Geschichte für sich passend zu interpretieren und besonders die historischen Fakten bezüglich des zweiten Weltkrieges zu verzerren, ist nichts Neues, aber der 75. Jahrestag des Ende des Großen Vaterländischen Krieges in diesem Jahr brachte die Propagandamaschine des Kremls besonders stark dazu, in diese Richtung zu arbeiten.

In seiner traditionellen Jahresansprache im Januar hat der russische Präsident Vladimir Putin bestätigt, dass der Staat verpflichtet ist, die Wahrheit über den Sieg zu verteidigen, weil „was werden wir sonst unseren Kindern sagen, wenn die Lüge sich auf den ganzen Welt wie eine Infektionskrankheit verbreitet?“ Laut Putin müssen „die dreisten Lügen, die Versuche, die Geschichte zu ändern, mit den Fakten konfrontiert werden“.

Der russische Verteidigungsminister Sergei Šoigu bestätigte eine Woche später in einer vor der Bundesversammlung des Präsidenten gehaltenen Rede, dass „das Verteidigungsministerium den Versuchen entgegenwirken wird, Russland zu beschmutzen und seine Geschichte zu verfälschen. Dies ist besonders wichtig an der Schwelle zum 75. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg“.

Šoigu sagte, dass neue Abschnitte der interaktiven Reihe “Erinnerung des Volkes“ bis zum 9. Mai auf der Internetseite des russischen Verteidigungsministeriums verfügbar sein werden. Es ist geplant, die Projekte „Die Befehlshaber des Sieges“ und „Befreiungssalute“ im Internet ständig zu aktualisieren, welche über die Generäle der siegesreichen Roten Armee und über die Befreiung der Hauptstädte Europäischer Staaten berichten. Ebenso wird zum 9. Mai die Hauptkirche der russischen Streitkräfte fertig gestellt und Grabstätten von mehr als 2100 Soldaten in Russland sowie 78 im Ausland, auch in Estland, werden instand gesetzt.

Um die weit verbreiteten Geschichtsinterpretationen, die nicht zu den offiziellen Narrativen Russlands bezüglich des Großen Vaterländischen Krieges passen, zu besiegen und den „dreckigen Mund“ der Historiker zu schließen , ist es geplant, in Moskau ein den Dokumenten über den zweiten Weltkrieg gewidmetes Archiv zu eröffnen, das kostenlos für Alle geöffnet sein soll und auch über das Internet besucht werden kann.

Wahrscheinlich mit den Fakten aus dem gerade zu gründenden Archiv bewaffnet, hielt Putin Ende des letzten Jahres in St. Petersburg einen einstündigen Gesichtsvortrag vor Führern der GUS-Staaten, in dem er unter anderem den Abschluss des Molotow-Ribbentrop-Pakts  rechtfertigte und Polen für den Ausbruch des Weltkrieges verantwortlich machte. Um seine Behauptungen zu bestätigen, hatte Putin ein großes Packet voller Archivmaterialien zum Rednerpult mitgebracht.

Der Geschichtsprofessor Sergey Radchenko fand in seiner im Foreign Policys veröffentlichten Analyse, dass, obwohl die von Putin dargestellten Fakten einzeln betrachtet Korrekt waren, waren diese in völlig falschem Kontext platziert und beim Vergleichen dieser miteinander hat Putin einen großen Teil der für seine Narrative unpassenden Fakten verschwiegen. Ein Amateurhistoriker Putin würde laut Einschätzung des Professors an keiner ernstzunehmenden Universität mit einer solchen Interpretation der Fakten eine Prüfung positiv bestehen.

Putins kreative Interpretation der Geschichte führte zu einem offiziellen Widerspruch Polens und auch mehrere bekannte Europäische Politiker drückten ihre Verwunderung aus. „Wahnsinnig … zu verneinen, dass Stalin mit Hitler zusammengespielt und Polen zerstört hatte. In Putin-Russland werden Monster weiterhin verherrlicht,“ twitterte beispielsweise der ehemalige belgische Premierminister und einflussreiches Mitglied des Europarlaments, Guy Verhofstadt.

Insbesondere Polen ist zwischen den Zahnrädern der Kreml-Propagandamaschine stecken geblieben, die auf den Schlachtfeldern der Geschichte herum trampelt. „Eine krasse Undankbarkeit für die Befreiung von der braunen Pest – das ist nun der politische Trend Polens,“ kritisierte die Kolumnistin Olga Bugrova die polnische Behandlung der Geschichte im estnisch-sprachigen Sputnik (als dieser noch auf Hochtouren arbeitete).

Laut Marko Mihkelson, einem Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Parlaments ist Polen als besonderes Ziel für Moskau wichtig, da US-Militäreinheiten dort mit schwerwiegender abschreckender Kraft anwesend sind. „Auf kürzere Sicht hilft das historische Thema die in den westlichen Staaten lebenden Landsleute zu mobilisieren, die öffentliche Meinung zu spalten (na, wie verurteilst Du die Sieger über den Faschismus) und die osteuropäischen Staaten von den Westeuropäischen zu isolieren,“ schrieb Mihkelson in seinem in der Zeitung „Edasi“ und im ERR veröffentlichten Meinungsbericht.

Auf Initiative von Mihkelson verabschiedete das Parlament eine Erklärung zum Thema „Historisches Gedächtnis und Fälschung der Geschichte“,  in der die Versuche Russlands verurteilt werden, die Geschichte des zweiten Weltkrieges für sie günstig zu interpretieren und anderen Ländern die Schuld am Krieg zu geben. Die Erklärung verurteilt Versuche der russischen Behörden, die Geschichte neu zu schreiben und das Nichtangriffsabkommen  und seine geheimen Protokolle zwischen der kommunistischen Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg zu rechtfertigen. Laut der Begründung des Gesetzentwurfes schafft Russland durch die Rechtfertigung des Molotow-Ribbentrop-Pakts und seiner geheimen Protokolle den Boden für eine aggressive Außenpolitik gegenüber seinen Nachbarn und der gesamten westlichen Welt.

Eine ähnliche Erklärung haben schon die Parlamente von Polen und Lettland abgegeben und der litauische Parlamentspräsident hat Russland wegen seiner Versuche die Geschichte neu zu schreiben verurteilt.

Es ist jedoch nicht zu hoffen, dass diese Aussagen die Aktivitäten des Kremls erheblich verlangsamen werden. Geschichte ist in diesem Jahr ein besonders aktuelles Thema und Moskau verpasst keine Gelegenheit, seine eigene Interpretation der Geschichte durchzusetzen. Es sei noch an die Erklärung des russischen Außenministeriums zum Jahrestag des Friedensvertrags von Tartu erinnert.

Mit dem Herannahen des 9. Mai wird auch die Intensität verschiedener Kreml- Informationsoperationen zunehmen.

Foto: Screenshot aus der Internetseite „Mälu tee“ (Zu Dt.: Der Weg der Erinnerung“.