Was bringt der 9. Mai in diesem Jahr?

07.05.2019

In den ersten Maiwochen wehen die Propagandawinde aus dem Osten stärker als durchschnittlich. Das Russland regierende Regime nutzt den 9. Mai zum entfachen der patriotischen Gefühle seiner Einwohner und um sich an die Mächtigkeit des Imperiums zu erinnern. Die Zielgruppen dieser Aktionen sind auch die Nachbarländer, für welche die „Befreiung“ das Kommen neuer Eroberer bedeutet hatte. Die verschiedenen Ansichten bezüglich der Geschichte geben Möglichkeit, die Spannungen eskalieren zu lassen und mit der Faschismusanschuldigung zu wedeln.

Die sichtbarste Aktion des heutigen 9. Mai in Estland scheint wieder der Marsch des „unsterblichen Regiments“ vom Tallinner Busbahnhof bis zum Bronzesoldaten zu werden. Noch weiß man nicht, ob der Marsch genau so spärlich ausfällt, wie im Jahr 2018, als die Menschen es vorgezogen hatten, den im Krieg gefallenen Vorfahren privat zu gedenken, ohne Propagandalärm. Sputnik, der Propagandakanal des Kremls in Estland, versucht jedenfalls dem Marsch aktiv Anschwung zu geben.

Mann kann auch den Versuch bemerken, die jüngeren Generationen anzusprechen, und dies manchmal auf recht merkwürdige Weise. So hat der Veteranenverein in Estland einen Malwettbewerb für Kinder zum Thema „zweiter Weltkrieg“ organisiert. Russland aber führt die Aktion „Diktat des Sieges“ durch, die am 7. Mai in mehr als 20 Länder stattfindet, zum Glück jedoch nicht in Estland. Der Versuch des Kremls, neue Altersgruppen an den 9. Mai zu binden, ist verständlich, weil es von jenen, die im Krieg gekämpft hatten, nicht mehr viele gibt und das ganze Ereignis immer weniger besucht wird.

Derart aktive Tätigkeiten kann man auch in Lettland erwarten, in Riga finden sogar zwei Märsche des unsterblichen Regiments statt. Bei den Südnachbarn versuchen die Kremltreuen das Thema des Monuments der Soldaten der Roten Armee zu verschärfen.

Wenn man nach einem Stichwort sucht, welches die Ereignisse herum um den 9. Mai in diesem Jahr charakterisieren würde, dann kann der Wunsch des Kremls, den Sieg im zweiten Weltkrieg als ein gemeinsames Errungenschaft verschiedener Nationen darzustellen, in Betracht gezogen werden. In den früheren Jahren wurde der Anteil Russlands betont, aber in diesem Jahr stehen eben die ehemaligen Mitgliedsstaaten der UdSSR im Vordergrund.

„Der große Sieg, erreicht durch Einheit“, ist ein russisches Projekt, das mehrere Ereignisse aus den Jahren 2018 – 2020 vereint. In diesen Jahren hat eine Geschichtskonferenz mit gleichem Namen in St. Petersburg stattgefunden, deren Höhepunkt das nächste Jahr wird, wenn Russland den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, im Sprachgebrauch des Kremls auch „Großer Vaterländischer Krieg“, feiert.

Bilder: Screenshots aus der Internetseite Sputniks und aus Facebook.