Krieg um die Gesinnung und Herzen in Venezuela

19.04.2019

In dem sich in einer tiefen Krise befindlichen Venezuela brennt zusätzlich zu dem Konflikt auf den Straßen ein aktiver Konflikt zwischen den verschiedenen Lagern in den sozialen Medien. Weil neben den USA und China auch Russland eigene Interessen in Venezuela hat und im Kampf um die Gesinnung und Herzen der Menschen die bereits aus dem Kochbuch des Kremls bekannten Rezepte benutzt werden, sind die dortigen Entwicklungen auch für Propastop von Interesse.

Soziale Medien sind ein wesentliches Schlachtfeld sowohl für den Präsidenten Nicolàs Maduro, der sowohl von Russland als auch China unterstützt wird, als auch für den Oppositionsführer Juan Guaidò, der von den USA und mehr als 50 anderen Staaten als Interimspräsident Venezuelas anerkannt wird. Mit Hilfe der sozialen Medien haben sie die Möglichkeit ihre Unterstützer zusammenzubringen und deren Tätigkeit zu koordinieren, aber nicht weniger wichtig ist auch das Schaffen eines passenden Medienbildes für die internationalen Beobachter.

Dominieren von Twitter
Laut Daten der Verwaltungsplattworm der sozialen Medien „Hootsuite“ nutzen 40 Prozent der Einwohner Venezuelas soziale Medien. Die populärste Internetumgebung ist konkurrenzlos Twitter, deren Marktanteil im Februar bei ca. 79 % lag und im März bei 66 %. Schwung gab dem Wachstum der Popularität Twitters in Venezuela seinerzeit der ehemalige Präsident des Staates, Hugo Chàvez, der im Jahr 2010 ein Twitter-Konto für sich angelegt (@chavezcandanga) und dies auch anderen empfohlen hatte. Weil der Marktanteil von Twitter der weitaus größte ist, sind auch die anderen Parteien des Konflikts auf das Manipulieren eben dieser Plattform konzentriert.

Ende Januar dieses Jahres teilte Twitter die Schließung von insgesamt ca. 2000 venezolanischen Konten mit. 764 davon waren auf die Verbreitung von gesellschaftsspaltenden Botschaften konzentriert und agierten ähnlich wie die Konten der russischen Trollfabrik (Internet Research Agency (IRA). Alle anderen 1196 Fake-Konten standen direkt mit dem Regime von Madoru in Verbindung.

Geld für das twittern
Die staatlich finanzierten Kampagnen von Maduro auf Twitter wurden beispielsweise vom Forschungszentrum DFRLab analysiert. Die Kampagnen, um für Maduro günstige Botschaften auf Twitter zu verbreiten, werden zentral koordiniert und das Kommunikationsministerium von Venezuela  (@Mippcivzla) gibt jeden Tag einen „Hashtag des Tages“ heraus, welcher dann mit verschiedenen Methoden verstärkt wird.

Zusätzlich zu den üblichen Posting-Robotern, Fake-Konten und Trollfabriken hat das Regime Maduros ein System ausgearbeitet, wie die besten Twitterer finanziell motiviert werden können. Es wurde eine extra Internetumgebung angelegt, in der man deren Twitter-Konten mit der venezolanischen ID-Karte (Carnet de la Patria) verbinden kann, aufgrund davon wird in dem in tiefer Armut lebenden Staat an die Menschen soziale- und humanitäre Hilfe verteilt. Die bravsten Twitterer und Verbreiter des Hashtages des Tages bekommen auf ihre Karte zusätzliche Mittel, wovon dann Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs angeschafft werden können. Auf dem offiziellen Twitter-Konto werden Anleitungen verteilt, wie die Karte mit dem eigenen Twitter-Konto verbunden werden kann.

Humanitäre Hilfe oder Trojanisches Pferd?
In dem unter Hyperinflation leidenden Venezuela leiden die Menschen sowohl unter einem Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten, als auch anderen wichtigen Gütern. „Sieben Millionen Menschen, das sind etwa ein Viertel der Einwohner Venezuelas, brauchen dringend humanitäre Hilfe“, stellt ein Rapport der UN fest, laut welchem in diesem Staat Unterernährung und Krankheiten herrschen. Mehrere Staaten haben sich bereits entschieden, humanitäre Hilfe nach Venezuela zu schicken.

Während die Flugzeuge aus dem Maduro unterstützenden Russland und China mit humanitärer Hilfe (und Soldaten) am Flughafen in der venezuelischen Hauptstadt Caracas ohne Probleme landen, lässt man die humanitäre Hilfe aus den USA und mehreren anderen Staaten nicht in das Land und die Hilfsgüter wurden seit Mitte Februar an der Grenze zwischen Kolumbien und Brasilien gelagert. Es ist nicht im Interesse Maduros zu zeigen, dass Guaidò und die ihn unterstützenden Staaten es schaffen würden, den Einwohnern Venezuelas zu helfen, denn so würde man den Kampf um die Gesinnung und Herzen der Menschen verlieren.

Die im Auslandsdienst der EU arbeitende und Fake-Nachrichten enthüllende Gruppe EUvsDisinfo schloss aus der Analyse von 1,5 Millionen spanischsprachigen Twitterern den Schluss, dass auf dem spanischsprachigen Twitter erfolgreich die Narrative über internationale humanitäre Hilfe als Trojanischer Pferd verbreitet wurden. Die Metapher mit dem Trojanischen Pferd erschien im Zusammenhang mit der internationalen humanitären Hilfe auf Twitter am 24. Januar und wurde von dort sowohl in den traditionellen Medien als auch im Sprachgebrauch der Politiker verbreitet.

Am 22. Februar wurde die Metapher mit dem Trojanischen Pferd vom bolivischen Präsidenten, Evo Moralles, benutzt, sein Zitat wurde von den unter der Kontrolle des Kremls stehenden Nachrichtenkanal RT in deren Nachrichten benutzt. An demselben Tag veröffentlichte im BBC einen Artikel mit der Schlagzeile „Die venezolanische humanitäre Hilfe: wahre Hilfe oder ein Trojanisches Pferd?“ Dieser Fall zeigt, wie mit einer erfolgreichen Infooperation eine in den sozialen Medien eingepflanzte konstruierte Meme in den Schlagzeilen der vertrauenswürdigen Nachrichtenmedien verbreitet werden kann.

Der Kampf geht weiter
Die Verteilung der humanitären Hilfe wird wahrscheinlich vom internationalen Roten Kreuz übernommen werden und die politische und informelle Wichtigkeit nimmt ab, aber der Kampf um Venezuela geht sowohl auf den Straßen als auch in den sozialen Medien weiter. Sind an der Armut der Einwohner dieses erdölreichen Landes Gier und Inkompetenz der Staatsoberhäupter dieses korrumpierten Staates Schuld oder die Sanktionen der USA? Klebt das Blut der wegen der häufigen Stromunterbrechungen in den Krankenhäusern verstorbenen Patienten an den Hände der diesen Staat ausraubenden Beamten und Politikern oder aber an denen der ausländischen Saboteure?

Wie der größte Teil des venezolanischen Volkes diese und andere ähnliche Fragen beantworten wird, ist abhängig davon, ob in diesem Staat das Regime Maduros die Macht behält oder ob ein Staatsstreich stattfindet. Die Auswirkungen der Propagandamaschinerie des Kremls auf diesen Kampf sind nicht zu unterschätzen, und es lohnt sich daher, die venezolanischen Entwicklungen im Auge zu behalten.

Screenshot: aus dem offiziellen Twitter-Konto des Kommunikationsministeriums vom Venezuela und ID-Karte.