Investigativer Journalismus deckt das Innenleben des Propagandagerätes des Kremls auf.

04.09.2018

Postimees veröffentlichte am 29. August einen Bericht von Holger Roonemaa, in dem auf Dokumenten basierend der Alltag der russischen Propagandaportale in Estland gezeigt wird. Am 31. August wurde ein Folgeartikel veröffentlicht, in dem über die Aktivitäten von Internet-Trollen aufgeklärt wurde.

Es handelt sich um eine Machtdemonstration des investigativen Journalismus, von denen die Informationen über den Infokrieg gegen Estland auf eine ganz neue Ebene gehoben werden. Bislang wurde über die Arbeit der Propagandamedien des Kremls überwiegend anhand des Jahrbuchs der Sicherheitspolizei, in dem die Bewertungen nicht groß begründet werden, geschrieben. Auch über die in Estland aktiven Internet-Trolle haben wir bislang nur Meinungen gehört, aber noch keine Beweismaterialien gesehen.

In den jetzigen Berichten werden aber nicht nur Behauptungen aufgestellt, sondern diese auch anhand von Dokumenten belegt. Die Unterlagen und Auszüge von der Kommunikation im Internet stammen aus der Akte des Strafverfahrend gegen den ehemaligen Vorstand von Baltnews. Zudem ist der Fall wegen seiner internationalen Ausbreitung etwas Besonderes: das gleiche Bericht wurde gleichzeitig in mehreren Medienausgaben veröffentlicht, darunter auch auf Russisch und auf Englisch.

Propastop macht über die Hauptschlussfolgerungen der Artikelserie eine kurze Zusammenfassung, damit auch jene Menschen einen Überblick über diesen Fall erhalten, die die Zeitung Postimees nicht lesen. Die Links zu diesen Artikeln findest du hier am Ende des Posts.

Was haben wir erfahren?

Die Propagandakanäle in Estland werden aus Moskau finanziert.

  • Baltnews wurde von der, der russischen Regierung gehörenden Medienfirma Rossija Segodnja finanziert.
  • Das Geld erreichte Baltnews durch die Schirmunternehmen des Kremls, die in Europa angemeldet waren: Media Capital Holding (Holland), Barsolina Ventures (Cypern), SPN Media Solutions (Serbien).
  • Baltnews bekam auf diese Weise 91 400 Euro (2014) und 136 800 Euro (2016) als monatliche Zahlungen. Wahrscheinlich erhielt man auch in den Jahren 2015 und 2017 von Russland Geld in ähnlicher Größenordnung.
  • Nach gleichem Schema wurden auch andere russische Propagandakanäle in den Nachbarstaaten finanziert: die Portale von Baltnews in Lettland und Litauen und die Nachrichtenagentur von RIA Novosti in Ukraine.

Aus Moskau werden die Themen und auch die Behandlungsweise vorgeschrieben

  • In dem Finanzierungsvertrag war für Baltnews die Anzahl der Inhalte (im Monat 70-500 Nachrichten und 10-50 Analysen, jede davon mit mindestens zwei Expertmeinungen) vorgeschrieben und ebenso die Länge der Artikel (10-100 Worte).
  • Die wöchentliche Arbeit lief nach einer Liste von Themen ab, die von den Mitarbeitern von Rossija Segodnja an Baltnews vorgegeben wurde. Ein Plan über drei bis fünf spaltende und Verdacht säende Themen war manchmal empfohlen, manchmal aber auch Pflicht.
  • Die laufenden Anordnungen wurden von den Mitarbeitern der Rossija Segodnja Aleksandr Svjazin, Liana Minasjan, Jasna Nagdalijeva und Dmitri Lanin erteilt.
  • Das Geld wurde anhand von Rechenschaftsberichten ausgezahlt, die Baltnews für vergangene Monate an die Schirmfirmen eingereicht hatte. In diesen Berichten wurden die Titel der bestellten Artikeln gezeigt und manchmal auch die Anzahl der Klick`s.

Die Arbeit der Propagandakanäle wird koordiniert

  • Berichte über gleiche Themen erschienen gleichzeitig sowohl in Baltnews als auch in Sputnik – das andere Propagandaportal von Rossija Segodnja. Wahrscheinlich werden die Propagandabotschaften ähnlich auch heute koordiniert.

 Die Leserzahlen der Propagandakanäle sind geplufft.

  • Die Chefs von Baltnews haben die Fake-Klick`s gekauft, um die Leserzahlen dieses Propagandaportals zu erhöhen. Lies aus dem Bericht von Propastop, wie die offiziellen Leserzahlen der Propagandakanäle in Estland sind.

In Estland sind kostenpflichtige kremltreue Internet-Trolle aktiv tätig.

  • Ein Folgebericht demonstriert, wie die kremltreuen Internetkommentare bestellt werden. Es gibt ein dokumentiertes Beispiel über einen Fall, in dem die Chefs von Baltnews Fake-Kommentare für das Propagandaportal baltija.eu bestellen.
  • Die Fake-Kommentare können aus der russischsprachigen Troll-Fabrik bestellt werden. Aus dem Bericht geht nicht hervor, wo sich so eine Fabrik befindet und ob es sich um die berüchtigte Troll-Fabrik in St. Petersburg handelt.
  • Bei einer Bestellung bis 50 Kommentare hat diese Dienstleistung im Jahr 2015 5,50 EUR gekostet, d.h. 11 Cent per Kommentar.
  • Eine solche menge Kommentare werden von ein bis zwei Menschen unter mindestens fünf Falschen Benutzernamen geschrieben. Die Fake-Nutzer kommentieren alleine, treten manchmal aber auch miteinander in einen Dialog und treiben damit die Meinungen mit verschiedenem Radikalismus voran.

Die Artikel wurden als eine internationale Zusammenarbeit von Journalisten und Medienausgaben gefertigt: Holger Roonemaa (Postimees), Inga Springe (Re:Baltica, Läti) Šarunas Cerniauskas ja Paulius Gritenas (15min.lt, Leedu) Vesna Radojevic (KRIK, Serbia), Vlad Lavrov (Ukraina), Buzzfeed (USA).

Der Artikel der Zeitung Postimees über den Alltag von Baltnews und der Bericht über den Kauf der Fake-Kommentare (kostenpflichtige Berichte).

Russischsprachige Ausgabe von Postimees: Artikel über Baltnews und Artikel über die Fake-Kommentare.

Artikel im Portal von Re-baltica auf Englisch und auf Russisch.

Artikel im Buzzfeed (auf Englisch)

Der Post von Propastop über das Propagandanetzwerk von Baltnews.

Foto: Michael Coghlan / Flickr / CC