Hast Du von einer Katze geträumt? Dann verlierst Du morgen Deine Arbeit.

21.05.2020

Ich habe von einer Katze geträumt und danach meine Arbeit verloren, folglich ist es schlecht, von Katzen zu träumen. Klingt logisch?
Auf den ersten Blick vielleicht schon, aber tatsächlich ist es ein Beispiel für die Schaffung einer falschen Ursache-Wirkungs-Beziehung, welche eine der häufigsten Demagogiemethoden ist.

Das Beispiel selbst stammt aus dem Lehrbuch des Estnischen Diskussionsvereins, in dem diese Demagogiemethode auf Lateinisch post hoc ergo propter hoc genannt wird. Da Ereignis Y nach dem Ereignis X auftrat, musste Ereignis X das Ereignis Y verursachen. Tatsächlich besteht möglicherweise keine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen aufeinanderfolgenden Ereignissen, obwohl der Demagoge möglicherweise das Gegenteil behauptet.

Ein klassisches und weit verbreitetes Beispiel für die Schaffung eines falschen Zusammenhangs zwischen Ursache und Wirkung im öffentlichen Informationsraum ist die Behauptung, dass alle Konsumenten von harten Drogen mit Hanf angefangen haben und daher der Hanf als Sprungbrett für stärkere Drogen dient. Ebenso kann behauptet werden, dass alle Alkoholiker irgendwann mit dem Wassertrinken angefangen haben.

Ein Sonderfall der falschen Ursache-Wirkungs-Beziehung ist eine Demagogiemethode, die als ein rutschiger Hang (Slippery Slope Fallacy) (SSF) bekannt ist. Das heißt, wenn wir einen Schritt auf einem rutschigen Weg machen, ist eine weiteres rutschen abwärts unvermeidlich und wir werden uns unaufhaltsam der Zerstörung der Gesellschaft nähern. Weiter mit Lehrbuchbeispielen auf dem Gebiet der Drogen – wenn wir Marihuana legalisieren, ist die Zeit nicht weit, in der jedes Kind Heroin in einem Geschäft kaufen kann.

Oder, wahrscheinlich vielen bekannt, – wenn wir heute das Zusammenleben zwischen Menschen des gleichen Geschlechts legalisieren, werden Nekrophile, Zoophile und Pädophile ihre Rechte geltend machen, und schließlich muss die Ehe zwischen einem Mann und seinem toten Hund auch legalisiert werden. Bei der Verwendung eines rutschigen Hanges schafft der Demagoge eine ungerechtfertigte Ursache-Wirkungs-Beziehung. In diesem Fall ist das Ergebnis immer unerwünscht.

Um nicht in die Falle dieser Demagogiemethoden zu geraten, sollten Sie sich oder möglicherweise diejenigen, die so etwas behaupten, fragen, wie genau ein Ereignis zu weiteren katastrophalen Ereignissen führen wird. Ist es möglich, einen bestimmten Mechanismus zu beschreiben, durch den das Träumen von einer Katze zum Verlust des Arbeitsplatzes führen kann? Wenn nicht, oder wenn dieser Mechanismus willkürlich ausgelegt ist, handelt es sich um Demagogie.

Propastop hat in den estnisch-sprachigen Medien der letzten Wochen drei Meinungsartikel gesucht, in denen der Autor die falsche Ursache-Wirkungs-Beziehung verwendet hat, um seine Behauptungen zu untermauern. Es lohnt sich zu bemerken, dass die falsche Schlussfolgerung auf der Grundlage der richtigen Annahme nicht immer das absichtliche Beeinflussen der Leser ist. Und selbst wenn es sich um bewusste Demagogie handelt – der Zweck von Meinungsartikeln besteht darin, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, und demagogische Methoden können hier als Teil der Kunst der Debatte angesehen werden.

Einige Beispiele aus den esntnisch-sprachigen Medien:

Siim Kallas: koalitsioonil ei ole pensioni teise samba kaotamiseks rahvamandaati (EPL) – Die Koalition hat kein Volksmandat, um die zweite Säule der Rente abzuschaffen (EPL).

ZITAT: Das neue System wird Investmentvermittlern und Betrügern eine echte Goldmine bringen. In einiger Zeit wird ein Großteil des Geldes aus der zweiten Säule ihren Wohlstand erhöht haben.

KOMMENTAR: Die Annahme ist, dass die Menschen infolge der Rentenreform die Möglichkeit haben werden, Geld von der zweiten Säule abzuheben. Die angebliche Folge ist, dass die Menschen dies auch tun werden und ihr Geld aus der Säule hauptsächlich an Investmentvermittler und Betrüger abgeben. Es handelt sich um eine Prognose, die zustande kommen kann, aber nicht zwangsläufig muss. Selbst wenn die Menschen ihr Geld aus der zweiten Säule der Renten nehmen werden, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass es in die Hände von Betrügern gelangt.

Jaak Aaviksoo: kõrgharidusega lõpetajale alla 1000 euro – lõpetame ära! (Äripäev) – Für Hochschulabsolventen unter 1000 Euro – lass uns damit Schluss machen! (Zeitung „Äripäev“)

ZITAT: Die Gehälter der Menschen mit Master liegen, abhängig von der Fachrichtung, zwischen 949 und 2213 Euro pro Monat und der Durchschnitt liegt um 33,4 % über dem nationalen Durschnitt, aber in sechs Bereichen liegt das Gehalt immer noch unter dem nationalen Durchschnitt. Aufgrund dieser Daten ist es ziemlich offensichtlich, dass es in Estland zumindest in einigen Fachgebieten ein Überangebot an Fachleuten mit Hochschulbildung gibt.

KOMMENTAR: Es wird davon ausgegangen, dass hochqualifizierte Master-Absolventen in vielen Bereichen unter dem nationalen Durchschnitt bezahlt werden. Die Schlussfolgerung des Autors ist, dass es zu viele Menschen mit einem solchen Abschluss gibt. Dies ist eine willkürliche Schlussfolgerung, die sich nicht eindeutig aus dieser Annahme ergibt. Die Höhe der Löhne in verschiedenen Berufen hängt nicht nur von der Anzahl der verfügbaren qualifizierten Arbeitskräfte ab.

Ott Vatter: Eesti e-residentsus juhib võitlust ebavõrdsusega (ERR) – Estnische E-Residency führt den Kampf gegen Ungleichheit an (ERR).

ZITAT: Obwohl es viele Talente gibt, ist das Wissen geografisch ungleich verteilt. Dies ist hauptsächlich auf die sogenannte digitale Kluft zurückzuführen, unter der fast alle Entwicklungsländer in den letzten 20 Jahren weitgehend gelitten haben. Noch heute erreicht mehr als die Hälfte der Kinder der Welt kein signifikantes Niveau in Lesen und Mathematik.

KOMMENTAR: Der Autor baut hier eine Ursache-Wirkungs-Beziehung auf, in der die Rückständigkeit der Entwicklungsländer bei der Einführung digitaler Technologien der Grund für die geografisch ungleiche Wissensverteilung ist. Obwohl digitale Technologien dazu beitragen können, Ungleichheiten abzubauen, sind die Gründe für die geografische Ungleichheit des Wissens viel vielfältiger und die digitale Kluft ist keine Hauptursache für das schlechte Bildungsniveau von Kindern in Entwicklungsländern.

Foto: Ralf St./Flickr/CC