Estland wird zu Unrecht mit dem Trolling des unsterbliches Regiments in Verbindung gesetzt

25.05.2020

Die für den 9. Mai in Russland geplanten spektakulären Paraden und Prozessionen wurden aufgrund der Koronakrise abgesagt. Der Kreml versuchte, diese mit Online-Aktionen zu kompensieren. Während des virtuellen Marsches des unsterblichen Regiments wurden die Menschen beispielsweise eingeladen, Bilder und Lebensgeschichten von Angehörigen, die am Krieg teilgenommen hatten, auf die Internetseite hochzuladen.

Das Trolling des Unterfangens fand jedoch in den westlichen Medien mehr Beachtung als die Aktion selbst – zusammen mit den Angehörigen der Roten Armee wurden Fotos der nationalsozialistischen deutschen Führer Adolf Hitler, Heinrich Himmler, Heinrich Müller und Joseph Goebbels sowie ein Bild von Andrei Vlassov, dem Führer der russischen Befreiungsarmee, die auf deutscher Seite gekämpft hatte, hochgeladen.

Ist Estland schuld?
Am vergangenen Samstag, dem 16. Mai, erschien in den  Medien des Kremls eine Reihe von Nachrichten, in denen die Verhaftung von vier Personen, die hinter dem Trolling gesteckt haben, angekündigt wurde. Diese sind Einwohner der russischen Städte Samara, Wolgograd, Perm und Uljanowsk. (Links zu allen Geschichten finden Sie auf der Seite des Überwachungsroboters Propamon).

In den Nachrichten wird auch Estland erwähnt. „Unter denjenigen, die an der Rehabilitation des Nationalsozialismus beteiligt sind, sind auch Bürger des Auslandes, insbesondere der Ukraine und Estlands“, wird Svetlana Petrenko, die offizielle Vertreterin des Untersuchungsausschusses der Russischen Föderation, zitiert. Estlands Verbindung damit wird von mehreren Portalen in den Schlagzeilen hervorgehoben.

Es ist nicht klar, warum Estland erwähnt wurde. Petrenkos Satz bezieht sich nur indirekt auf die Verbindungen zwischen Estland und dem Hochladen von Bildern. Ihre Worte können vielmehr in dem Sinne verstanden werden, dass die Rehabilitatoren des Nationalsozialismus auch in Estland und der Ukraine leben. Aus dem Zitat lässt sich nicht eindeutig ablesen, dass estnische Bürger im Zusammenhang mit dem Hochladen von Bildern untersucht werden. Genau so wurde der Fall jedoch von der estnischen Presse verbreitet, beispielsweise verstärkt die Schlagzeile von Postimees „Esten werden im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Nationalsozialismus auf russischen Portalen untersucht“ direkt die propagandistische Botschaft des Kremls.

Während der vergangenen Woche erreichten die russischen Medien neue Fakten über den Fall. Ein weiterer Einwohner von Kasan wird in Gewahrsam genommen, jetzt sind es fünf. Es wurden Videos der Inhaftierung veröffentlicht, in denen die Männer ihre Handlungen gestehen und diese mit dem Wunsch begründen, Witze machen zu wollen. In den neuen Berichten wird über Estland nicht mehr gesprochen. Stattdessen wird versucht, Alexei Navalny, einen russischen Oppositionspolitiker, als wessen Unterstützer die Inhaftierten dargestellt werden, als moralisch verantwortliche Person zu bezeichnen.

Hackerangriff am 9. Mai.
Zusätzlich zum Trolling schreiben russische Portale über eine weitere gegen die Internetseite des unsterblichen Regiments gerichtete Aktion. Am Morgen des 9. Mai wurde ein DDoS Hackerangriff ausgeübt, bei dem die Internetseite überlastet und der Zugriff darauf unterbrochen wurde. Nach Angaben der Kremlmedien waren Server aus europäischen Ländern, Nordamerika und Asien an dem Angriff beteiligt. Solche Informationen über den Standort von Angreifern sind recht willkürlich, da der VPN-Dienst es einem Angreifer ermöglicht, den Standort des Servers zu verbergen oder in einem beliebigen Land anzuzeigen.

Auch in diesem Fall wurde kein Zusammenhang mit Estland veröffentlicht.

Zusammenfassung: die Anschuldigung ist unbegründet.
Die Kremlpresse hat keine Beweise vorgelegt, um den estnischen Staat oder die estnischen Bürger mit dem Fall in Verbindung zu bringen. Die einzige Grundlage ist der undeutliche Satz eines Regierungsvertreters. Wenn es Fakten über die Teilnahme Estlands gäbe, wäre es logisch darauf hinzuweisen und diese in den Folgeberichten deutlicher zu öffnen. Da Estlands Verbindung in weiteren Handhabungen aber verschwindet, kann Petrenkos ursprünglicher Satz nicht ernst genommen werden.

Hinter dem Vorwurf kann man den propagandistischen Wunsch vermuten, Estland als „ekelhaften kleinen Nazi-Staat“ zu zeigen, der versucht, die Geschichte zu fälschen und den Faschismus wiederzubeleben. Warum dieser Propagandanarrativ in neuen Zusammenhängen wiederholt wird, kann in diesem Mythosbrecher-Artikel gelesen werden.

Bilder: Screenshots von den entsprechenden Internetseiten.