Erkennst Du die verdrehten Nachrichten?

23.04.2019

Propastop bietet den Lesern diesmal eine Möglichkeit zum Spielen. Hier unten stehen drei in den estnischen Nachrichtenmedien im letzten Jahr real veröffentlichte Schlagzeilen, die alle aus dem einen oder anderen Grund den Weg zum Presserat gefunden haben. Welche von diesen Schlagzeilen können als verdreht eingestuft werden, wenn man weiß, dass es sich bei allen um Nachrichten handelt?

  1. „Päeval ehitajad, õhtul roolijoodikud ja vargad“ Postimees, 02.10.2018 – “Am Tag Bauarbeiter, am Abend Steuerradsäufer und Diebe“ Postimees, 02.10.2018
  2. „EKRE läheb riigikogu valimiskampaaniat tegema tühja rahakoti ja professionaalse abita“ EPL, Delfi, 17.05.2018 – “EKRE” beginnt Wahlkampagne für Parlamentswahl mit leerem Portemonnaie und ohne professionelle  Hilfe, EPL, Delfi, 17.05.2018
  3. „Stolitsa peatoimetaja Aleksandr Tšaplõgin ja tema sõbrad rõõmustasid sotsiaalmeedias Babtšenko surma üle“ Delfi, 30.05.2018 – “Aleksandr Tšaplõgin, der Chefredakteur der Stolitsa und seine Freunde haben sich in den sozialen Medien über den Tod Babtsenkos gefreut“, Delfi, 30.05.2018.

Die richtige Antwort findest Du am Ende dieses Posts.

Sind die estnischen Medien voreingenommen?
Von Zeit zu Zeit schafft es die Meinung einiger Politiker oder Personen des öffentlichen Lebens in die Medien, dass die estnischen Medien voreingenommen sind und gegenüber einigen Menschen oder Organisationen besonders große Sympathie oder Antipathie zeigen. Verschiedene Medienausgaben haben nun einmal zumeist ein klar definiertes Weltbild, welches in den Leitfäden der Redaktion ausgedrückt wird. Natürlich haben auch verschiedene Journalisten eigene persönlichen Vorlieben, Sympathien und Antipathien, aber beim Weitergeben einer Nachricht lässt ein professioneller Journalist diese zur Seite.

Der Kodex estnischer Presseethik, von welcher Journalisten bei ihrer Arbeit ausgehen müssen, sagt unter Punkt 1.4, dass der Journalist für seine Worte und Werke verantwortlich ist. Die Medienorganisation muss dafür Sorge tragen, dass keine ungenauen, verdrehten oder irreführenden Informationen veröffentlicht werden.

Dies bedeutet nicht, dass der Journalist ein Roboter sein muss, der kein Recht für seine Meinung hat. Eher andersrum – ein guter Journalist hält sich über verschiedene Dinge in der Welt auf dem Laufenden, ist neugierig und ein Mensch mit einem einfühlsamen sozialen Nerv. Weil Journalisten gelernt haben, sich klar und deutlich auszudrücken, werden aus ihnen in der Gesellschaft oft Meinungsführer, auf deren Meinungsäußerungen zu verschiedenen Themen gewartet und diese geschätzt werden. Wichtig ist, dass klar zu erkennen ist, wann der Journalist seine persönliche Meinung vertritt und wann er eine Nachrichteninformation vermittelt.

Punkt 4.1 des Kodex der Medienethik verlangt eben, dass Nachrichten, Meinungen und Vermutungen deutlich zu unterscheiden sind. Nachrichtenmaterialien sollen auf beweisbaren und faktischen Informationen basieren. In der Regel schafft man es, sich an diesen Grundsatz zu halten, aber manchmal haben sich Journalisten oder Medienausgaben auch geirrt und gegen den Medienkodex verstoßen. In Estland haben Journalisten einen Presserat als Selbstregulierungsorganisation gegründet, an den sich die Leser wenden können, wenn sie meinen, dass man gegen den Kodex der Medienethik verstoßen hat.

Wie soll man sich beim Finden einer irreführenden Nachricht verhalten?
Was zu tun, wenn man irgendwo einen Nachrichtenbericht sieht, der ungenaue, verdrehte oder irreführende Informationen weitergibt? Oder wenn es scheint, dass der Journalist einen Meinungsbericht mit den Nachrichten durcheinander gebracht hatte? Zuerst macht es Sinn, sich direkt an den Journalisten oder die Redaktion zu wenden – normalerweise gibt es bei den Berichten Kontaktdaten des Autoren oder des Redakteurs.

In diesem Brief sollte man genau benennen, welche Behauptung falsch oder ungenau ist, bei der Möglichkeit auch den Punkt des Kodex der Medienethik zu nennen, gegen den man in dem Bericht verstoßen hatte. Weil Fehler überwiegend ungewollt sind, reicht so etwas normalerweise aus und die Fehler werden korrigiert. Wenn es zu Diskussion kommt, wäre eine Lösung, sich an den Presserat zu wenden, um Klarheit zu erlangen. Und am Ende bleibt immer die Möglichkeit, seine Rechte vor Gericht zu verteidigen.

Die richtige Antwort auf das Leserspiel
Mit dem einen von uns ausgesuchtem Bericht, der mit der Schlagzeile Nr. 2, wurde gegen gute Pressegepflogenheit verstoßen. Der Presserat, der die Beschwerde von EKRE verhandelt hatte, hatte entschieden, dass von Eesti Päevaleht und Delfi gegen den Punkt 4.11 des Kodex der Medienethik verstoßen wurde, welcher besagt, dass die Schlagzeilen das Auditorium nicht irreführen dürfen. Laut Urteil des Presserates entspricht die Schlagzeile nicht dem Inhalt des Artikels, weil in dem Bericht nicht bewiesen wird, dass das Portemonnaie der EKRE leer ist. Die 20 000 Euro auf dem Konto geben keinen Grund zu behaupten, dass man die Wahlkampagne mit einem leeren Portemonnaie beginnt.

Bei den anderen Berichten wurde laut Presserat nicht gegen Medienethik verstoßen, weil die beweisbaren Fakten präsentiert wurden.

Insgesamt hat Presserat im letzten Jahr 81 Beschwerden verhandelt  und mehr als die Hälfte davon wurden freigesprochen. Verstöße gegen den Kodex der Ethik wurden 22 Mal festgestellt. Die ganze Statistik findest Du hier. Tatsächlich schaffen es längst nicht alle, ob versehentlich oder absichtlich verdrehten Nachrichtenberichte vor den Presserat, aber der überwiegende Teil der in den estnischen Nachrichtenmedien veröffentlichten Informationen sind jedoch sicherlich ausgeglichen und faktengenau.

Bilder: Screenshots aus den Artikeln