Auftreten im Kreml-Fernsehen ist nicht in Ordnung

23.03.2021

Die Teilnahme der estnischen Politiker Yana Toom und Michail Kõlvart an der Sendung „60 Minuten“ von Rossija 1, einem Fernsehsender, der den russischen Behörden gehört, führte zu einer lebhaften Diskussion in den estnischen Medien. Der Fall ist ein geeigneter Anreiz, drei Hauptgründe aufzuzeigen, warum eine solche Kanalwahl nicht nur für die Politiker der Zentralpartei, sondern auch für alle estnischen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verwerflich ist. Wir erinnern uns auch an andere ähnliche Fälle in der jüngeren Geschichte.

Das Kremlfernsehen ist keine Presse, die ausgewogen arbeitet und Raum für unterschiedliche Perspektiven bietet. Es ist ein Propagandamedium, das darauf abzielt, für den Kreml geeignete Narrative zu schaffen und einzubetten. Was Estland betrifft, so haben diese Medien eine feindselige Haltung, die auf den vorgegebenen Gesprächspunkten basiert.

Sendungsteilnehmer oder Interviewpartner aus Estland und den baltischen Staaten werden in diesen Propagandakanälen in bestimmte Rollen positioniert und ihre Auftritte sollen bestimmte Propagandanarrative unterstützen. Der Redner kann den Kontext, in den seine Gedanken positioniert werden, nicht lenken oder kontrollieren.

Auch wenn ein Teilnehmer einer Kreml-Propagandashow den geheimen Plan hat, für Estland vernünftige und günstige Ideen zu vermitteln, bleibt es seine naive Illusion. Propastop ist noch auf keinen Fall gestoßen, in welchem es einigen Teilnehmern gelungen wäre, die Propagandisten des östlichen Nachbarn zu überlisten und ein für Estland nützliches Narrativ zu präsentieren. Im besten Fall wird es möglich sein, die Neutralität gegenüber Estland aufrechtzuerhalten, aber die anderen Ziele des Kremls werden trotzdem unterstützt.

Ein Beispiel in diesem Fall sind die Ansichten von Toom und Kõlvart zu Impfstoffen. Was auch immer sie über Impfstoffe ausdrücken wollten, die Kreml-Medien verstärkten die Aussagen als Estlands direkte Unterstützung für den Impfstoff Sputnik V. (die Überblicke über russischen Medien finden Sie auf der Seite des Überwachungsroboters Propamon, wenn Sie nach Berichten oder Schlüsselwörtern des entsprechenden Tages suchen).

Die Teilnahme erhöht die Glaubwürdigkeit der Propagandamedien
Wenn bekannte estnische Menschen in Kreml-Propagandakanälen auftreten, sendet dies ein Signal an die in Estland lebenden Zuschauer, dass diese Kanäle mit den journalistisch unabhängigen russischsprachigen Kanälen vergleichbar sind. Ein gewöhnlicher Zuschauer kann nicht nachverfolgen, ob der Kanal ein Beeinflussungsmittel des Kremls ist oder nicht. Wenn Menschen, denen sie vertrauen, dort auftreten, überträgt sich der Eindruck von Glaubwürdigkeit auf den Kanal selbst. Langfristig wird dies Estland großen Schaden zufügen. Zum Beispiel stehen das hohe Interesse der russischsprachigen Einwohner Estlands an Sputnik V. und die Zurückhaltung bei der Verwendung anderer Impfstoffe in direktem Zusammenhang mit der Sichtbarkeit der Propagandakanäle des Kremls.

Die Teilnahme spaltet Estland
Auftritte im Kreml-Fernsehen gehen immer mit Anschuldigungen, Streitigkeiten und der Polarisierung von Meinungen in den estnischen Medien einher. Eine solche Steigerung der Aufmerksamkeit dürfte den Interessen eines Politikers dienen und seine Bekanntheit erhöhen. Für Estland insgesamt ist es jedoch schädlich, die Menschen in zwei Lager aufzuteilen. Auch profitiert der estnische Informationsraum in keiner Weise von der Aufmerksamkeit und dem Interesse, welche die Propagandakanäle des Kremls mit Unterstützung der Sendungsbesucher erhalten haben.

Zusammenfassend betrachtet Propastop der freiwillige Präsenz aller estnischen Menschen in Kreml-Propagandakanälen als schädlich für Estland und wird diese in Zukunft immer für falsch halten – egal wie edel die eigenen Absichten und Hintergedanken des Sendungsbesuchers sind.

Bilder: Screenshots von der genannten Sendung.